Erkenntnis: Das Gehirn fordert zu viel Zucker
Wer Stress am liebsten mit Schokolade bekämpft oder sich für den harten Tag im Büro mit Gummibärchen belohnt, gilt als Stressesser. Oder "leidet an einer falsch programmierten Energieverwaltung im Gehirn", so der Internist Prof. Dr. Achim Peters. Der Schlüssel gegen das Übergewicht liegt seiner Meinung nach im Gehirn, dem Glukoseverbraucher Nummer eins im menschlichen Körper. Viele Jahre lang beobachtete er mit seinem Team aus Hirnforschern, Psychiatern und Naturwissenschaftlern mehr als 300 Normal- und Übergewichtige. Die Forscher der Universitätsklinik Lübeck maßen während verschiedener Belastungssituationen die Energieversorgung im Gehirn im Vergleich zum restlichen Körper. Sie konnten zeigen, dass das Gehirn sich immer zuerst mit Energie versorgt, bevor es den Muskeln, Organen oder dem Fettgewebe etwas abgibt.
Deshalb sprechen die Wissenschaftler vom Selfish Brain (egoistischen Gehirn). "Bei übergewichtigen Menschen gelingt es dem Gehirn nicht, ausreichend Energie aus dem Körper anzufordern", ist Prof. Peters überzeugt. "Es gleicht die Unterversorgung aus, indem es über ein System aus Botenstoffen den Appetit stimuliert." Fazit: Wir essen mehr, als uns guttut. Der Mediziner Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam hält Achim Peters' Theorie für plausibel. "Viele Studien zeigen, dass das Gehirn Kontrollfunktionen auf den Stoffwechsel ausübt." Doch ob es tatsächlich die oberste Zentrale der Appetitsteuerung ist, hält Joost für fraglich: "Auch im Darm oder im Fettgewebe sitzen Sensoren, die unsere Nahrungsaufnahme steuern."
Was lässt sich dagegen tun? Professor Achim Peters entwickelt gerade mit Kollegen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck ein Abnehmprogramm, mit dem es gelingen soll, die Energieverteilung zwischen dem Gehirn und dem Körper zu optimieren. Dieses Konzept rückt unsere Reaktionen in Stresssituationen in den Mittelpunkt. Denn bei Stress fordert unser Gehirn besonders viel Glukose aus dem Körper an. "Wir sind zuversichtlich, dass es durch Verhaltenstraining möglich ist, das Gehirn so umzuprogrammieren. Damit würde es seine Energie wieder verstärkt aus den Energiedepots ziehen und uns nicht ständig zu übermäßigem Essen verführen." Für alle, die gern abnehmen möchten, aber eine Diät nur schwer durchhalten, bedeutet dies: Sie sollten das eigene Verhalten in Stresssituationen unter die Lupe nehmen und Strategien entwickeln, mit dem Stress umzugehen. Zum Beispiel im Job nicht alles runterschlucken, sondern die Konfrontation oder ein klärendes Gespräch suchen; sich nach der Arbeit nicht mit Süßem, sondern mit einem Kinobesuch belohnen oder einfach nette Leute treffen.
Endeckt in der Brigitte